am 12. Mai 2012
(sisch) In diesem Jahr könnte die deutsch-niederländische Initiative 8. Mai ihre Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus zum ersten Mal auf der Gedenkstätte Esterwegen ausrichten. Sie wird sich am heutigen Samstagnachmittag allerdings nicht dort versammeln, sondern, wie in jedem Jahr seit 1985, auf dem Lagerfriedhof Bockhorst bei Esterwegen.
Nikolaus Schütte zur Wick, Fraktionsvorsitzender der Grünen im emsländischen Kreistag, ist sich sicher: “Selbst wenn die Initiative beantragt hätte, ihre Veranstaltung an der Gedenkstätte abzuhalten, wäre das bestimmt nicht genehmigt worden.”
Die Veranstaltung, an der immer auch überlebende “Moorsoldaten” teilnehmen, ist vom ehemaligen Landrat Hermann Bröring stets gemieden worden, und auch sein Nachfolger Reinhard Winter wird nicht an der Gedenkfeier teilnehmen. “Das ist eine eindeutig linksgerichtete Veranstaltung”, begründet Kreissprecherin Anja Rohde die Zurückhaltung. Damit hat sie Recht, und einer der diesjährigen Redner ist auch nicht unumstritten: Heinrich Fink, Theologe und Bundesvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), war Rektor der Berliner Humboldt-Universität, bis er wegen seiner Rolle als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi entlassen wurde. Fink wurde bei der für die Bespitzelung der Kirchen zuständigen Abteilung unter dem Decknamen “Heiner” geführt. “Trotzdem”, sagt Schütte zur Wick, “sollten unsere Landkreisvertreter das einmal im Jahr aushalten können. Es wäre ein Zeichen von Respekt vor den Opfern und Überlebenden.”
Für Johanna Adickes von der Initiative 8. Mai kommt das ehemalige KZ Esterwegen als Veranstaltungsort allerdings sowieso nicht in Frage. Man habe das nicht einmal in Erwägung gezogen. Sie sieht die Gedenkstätte, distanziert: “Die Gedenkstätte ist das DIZ – ohne das DIZ gäbe es sie gar nicht.”
Das DIZ, also das Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager, hat mit der Eröffnung der Gedenkstätte seinen Sitz in Papenburg verlassen und bfindet sich nun ebenfalls in der Gedenkstätte Esterwegen. Der Verein “Aktionskomittee für ein DIZ” hatte sich 1981 gegründet mit dem Ziel, eine zentrale Gedenkstätte für die Opfer der Emslandlager zu errichten. Bereits seit den 60er-Jahren gab es dahingehende Bemühungen, die immer wieder von Behörden und Landkreispolitikern abgeschmettert wurden. Das hatte einerseits damit zu tun, dass lange Zeit nur die KZ-Gefangenen als Opfer des NS-Regimes anerkannt wurden, die Strafgefangenen als “nach Recht und Gesetz Verurteilte” hingegen nicht. Ein anderer Grund war, dass in den Emslandlagern zu einem erheblichen Teil politische Häftlinge saßen und dem katholisch-konservativen Emsland auch nach dem Krieg alles suspekt war, was von links kam.
DIZ-Leiter Kurt Buck war als Mitglied der Initiative 8. Mai immer Mitorganisator der Gedenkfeier. In diesem Jahr wird er nicht dabei sein: “Ich muss in Esterwegen Führungen machen.” Ohnehin, sagt er, sei er stets als Privatperson dort gewesen. Dass die heutige Gedenkveranstaltung wieder auf dem Friedhof stattfindet, begründet er damit, dass das “ja schon immer” so war. “Nach dem Bau des DIZ in Papenburg ist ja auch niemand auf die Idee gekommen, die Veranstaltung dahin zu verlegen”, sagt er. Dort hat sich freilich weder ein Konzentrationslager befunden, noch diente das DIZ als Gedenkstätte.
“Wir werden in der alten Rheder Kirche und am Ossietzky-Denkmal in Esterwegen Kränze niederlegen”, sagt Kreissprecherin Anja Rohde auf die Frage, ob es denn von Seiten des Landkreises eine Gedenkveranstaltung gebe. “Allerdings wird dies kein offizieller und auch kein öffentlicher Akt. Die Kränze sollen ein Zeichen für die Besucher sein.”
Wer ein Zeichen gegen das Vergessen setzen und sowohl den Überlebenden als auch denjenigen Respekt zollen möchte, die sich bereits seit Jahrzehnten im Emsland für die Aufarbeitung der NS-Zeit einsetzen, der kann das heute nachmittag um 15 Uhr auf dem Lagerfriedhof Bockhorst bei Esterwegen tun.
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