Ha Ha! Das ist toll. Aberwitzig. Oh, Stop. Verzeihung. Noch
einmal …
HO HO HO! Das ist toll! Aberwitzig! Was für ein Spaß! Da hat
der der alte Grantler Bob Dylan doch glatt ein Weihnachtsalbum aufgenommen.
„Christmas in the Heart“ heißt es und rotiert gerade auf meinem tollen, neuen
Plattenspieler. Nun ist es eine ganz unpeinliche amerikanische Tradition
Weihnachtsalben aufzunehmen, vor der auch „unkommerzielle“, integre Musiker
nicht halt machen. Was also, ist so toll (im Doppelsinne!) an einem Bob Dylan-Weihnachtsalbum?
Jetzt kann man ganz weit ausholen und den
Dylan-Nicht-Kennern so einiges über den Songwriting-Meister erzählen, um das
Entsetzen, das diese Platte in Fan-Kreisen auslöst einigermaßen plausibel zu
machen. Oder man setzt Wissen voraus und kommt auf den Punkt. Ich wähle den
Mittelweg.
Ultrakurz-Biografie Bob Dylan.
In den frühen Sechzigern startet Bob Dylan seine Karriere
als Folksänger im New Yorker Künstler-Viertel Greenwich Village und wurde
schnell zum Aushängeschild der alternativen Protest- und Gegenkultur. „Die
Stimme einer neuen Generation“, hieß es. Dylan konnte damit nicht viel
anfangen. Auf dem 1965er Newport-Folk-Festival trat er mit elektrischer Gitarre
und Band an und wurde von der Bühne gebuht. Doch Dylan ließ sich nicht beirren
und verfolgte seinen Weg trotz der regelmäßigen Beschimpfungen als „Verräter“
und „Judas“. Kaum das seine Fans ihm das verziehen hatten, (und viele haben ihm
die „Elektrifizierung“ NIE verziehen) wandte sich Dylan dem Christentum zu (er
hatte ein „Erweckungserlebnis“, nachdem jemand einen Kreuzanhänger auf die
Bühne warf) und ward erneut schlecht gelitten. Hinzu kam, dass sich Dylans
Stimme über die Jahre veränderte, er, laut seiner Biografie, sogar bewusst
anders sang. Der sanfte „Blowin´ in the Wind“-Sänger hörte sich immer rauer und
gepresster an und klingt heute fast wie Tom Waits. Ende der Achtziger war Dylan
eine gefallene Legende. Alkoholprobleme und ein kreatives Tief taten ihr
übriges um Dylan so zu behandeln, als wäre seine Karriere beendet. Er wurde mit
Preisen überhäuft, als gelte es, einen Toten zu würdigen.
Doch Mitte der Neunziger bis Heute gelang Bob Dylan ein
sagenhaftes Comeback, das mit dem Nummer-Eins-Album „Modern Times“ (2006)
gipfelte.
Aber immer wieder stieß Dylan seinen Fans vor den Kopf. Man
muss dazu wissen, dass Hardcore-Fans jedes Wort des „Meisters“ auf die
Goldwaage legen und hinter jeder Aussage verklausulierte Botschaften vermuten.
Seinen Ursprung hat dieser Unsinn in den sensationell guten Song-Texten. Nicht
umsonst wurde Dylan bereits mehrfach für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen.
Aktionen, wie das Auftauchen in einem „Victoria´s Secret“-Werbespot oder die
Aussage, er habe nichts zu sagen und möchte am Liebsten nur noch Rosen züchten,
waren immer wieder Salz in der Wunde jener Unverbesserlichen, die in der Person
Dylans immer noch eine Art messianische Gestalt sehen wollen.
Kurzbiografie Ende.
Und jetzt ein Weihnachtsalbum.
Die Covergestaltung: Klassisch. Das gemalte Bild eines, auf
einem Pferdeschlitten sitzenden Paares.
Die Songs: Klassisch. Keine Eigenkompositionen. Sondern: „Hark The Herald Angels
Sings“, „Winter Wonderland“ und „Have Yourself A Merry Little Christmas“.
Die Instrumentierung: Klassisch. Glöckchen, Schellen und
Chöre.
Ironische Brechung: Fehlanzeige.
„Christmas In The Heart“ ist nun mal ein ganz klassisches
Weihnachtsalbum, das selbst Omma und Oppa gefallen dürfte, wenn sie sich nicht
gerade an Bobs tapferen Versuch stoßen, endlich mal schön zu singen. Was nicht immer gelingt.
Mein erster Hörkontakt hinterließ mich Tränen lachend. Warum
eigentlich?
Es gibt drei Möglichkeiten sich diesem Album zu nähern.
1. Der Unwissende
Der Unwissende wird sich fragen, was die Leute alle für ein
Gewese machen; das ist doch ein richtig schönes Weihnachtsalbum. Einzig der
Gesang könnte besser sein. Aber sonst…
2. Der Dylan-Fan der frühen Sechziger
„Jetzt schlägt´s dreizehn! Ich habe Bob ja schon vieles
verziehen, aber das schlägt dem Fass den Boden aus! Warum macht er sich so
lächerlich? Ich glaube nicht, dass ich ihm das verzeihe. Das ist das letzte
Dylan-Album das ich mir gekauft habe. Aber echt mal, jetzt!“
3. Der aufgeschlossene Kenner
Dylans Stimme in diesem Kontext zu hören ist witzig.
Wirklich richtig witzig. Und doch: Warum nicht? Warum sollte gerade Bob Dylan
das nicht dürfen? Nach dem sich das Amüsement gelegt hat, bleibt der Eindruck
eines Weihnachtsalbums, das so kitschig-festlich ist, das es einzig und allein
am Heiligen Abend laufen kann oder in jenen Momenten kurz vor Weihnachten, die
jegliche Atmosphäre vermissen lassen, in denen man sich aber unbedingt in
Weihnachtsstimmung bringen will.
Im Übrigen: Die Erlöse aus dem Verkauf des Albums werden
wohltätigen Zwecken gespendet.
Alles halb so wild also. Es bleibt einzig: Ein frohes Fest
zu wünschen!
Nilo
"Nicht jede Wolke erzeugt ein Gewitter"
sprach einst William Shakespeare. „Tut sie doch!“ möchte man entgegnen, angesichts des emsländischen „Sommers“ 2009. Seit Wochen schon herrscht bei uns ein Wetter vor, dessen einzige Beständigkeit die Unbeständigkeit ist. Immerhin: Meistens ist es warm. Doch fast aus jeder Wolke, die dem Schäfchenstatus so gerade entwachsen ist, bricht ein massiver Schauer hervor. Nicht selten von Blitz und Donner begleitet. Zehn Minuten später (die Straßen sind abgetrocknet, das Kaffeegeschirr steht noch in Sicherheit) wischt man sich wieder den Schweiß von der Stirn. Diesem, auch den Kreislauf sehr belastenden, Wetter gute Seiten abzugewinnen, fällt schwer. Die Natur freut sich bestimmt über diesen Regen-Sonne-Wechsel und wir Menschen haben ein Gesprächsthema und die Aussicht auf Wetterbesserung. So können wir, nachdem wir mit Shakespeare eröffneten, mit Schopenhauer schließen, der dereinst sagte: „Man darf am Wetter nie verzweifeln, solange noch ein blauer Fleck am Himmel steht.“
Nilo
Abschaltung des KKW Emsland
Eins vorweg: Ich stehe der Kernkraft kritisch gegenüber und befürworte die Novellierung des Atomgesetzes von 2002, das den Neubau von AKWs verbietet und die Laufzeit der bestehenden Anlagen befristet. Wenn Industrie, Wirtschaft und Forschung gemeinsam und fokussiert in alternative Energiequellen investiert, dürfte es nicht zu einem Versorgungsengpass kommen. Aber dies nur zur Kenntnisnahme.
Am 24. Juli wurde das Kernkraftwerk Emsland vom Netz getrennt. Eine Überwachungseinrichtung am Stufenschalter eines Maschinentrafos wurde ausgelöst und in der Folge kam es zur Reaktorschnellabschaltung.
Kurz vorher, am 4. Juli, wurde das AKW Krümmel abgeschaltet, was wirklich bemerkenswert war, wo es doch erst am 19. Juni, nach zwei inaktiven Jahren, wieder in den Leistungsbetrieb ging.
Das die Abschaltung des Kernkraftwerks Krümmel ein großes Thema in Medien wurde, ist nachvollziehbar und gerechtfertigt. Ob die Abschaltung des Lingener Meilers, ohne die vorangegangene Berichterstattung ein so großes Thema geworden wäre, darf hingegen bezweifelt werden, denn im Gegensatz zum Reaktor in Krümmel, läuft „unser“ AKW Gott sei Dank sehr stabil und gehört regelmäßig zu den produktivsten fünf Kernreaktoren der Welt.
Die aktuelle Störung wird offiziell so eingeordnet:
„Gemäß den deutschen Meldekriterien wurde das Vorkommnis vorläufig in die Kategorie N (Normal) eingestuft. Nach der internationalen Skala zur Bewertung von Vorkommnissen (INES) ist es der Stufe 0 (unterhalb der Skala = keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung) zuzuordnen.“
Das klingt doch beruhigend, oder? Ganz ehrlich! Mache ich mir verstärkt Sorgen? Nein. Ich sehne den Tag herbei, an dem die Kernreaktoren abgestellt sind (was absurd ist, denn abgesehen von Deutschland und Spanien, werden auf der ganzen Welt immer mehr Kernreaktoren gebaut). Der mediale Aufschrei, der zur Zeit jede noch so kleine Störung begleitet, hat allerdings den schalen Beigeschmack von Populismus und Kampagnenjournalismus. Nicht zuletzt wegen des Internets befinden wir uns in einer Zeit, in der Informationen -oder eben konkret „Nachrichten“- im gewaltigen Überfluss vorhanden sind. Dabei ist die Aufmerksamkeitsspanne des Konsumenten deutlich gesunken. Wir werden von Informationen dermaßen überflutet, das wir am Ende nur noch die Schlagzeilen wahrnehmen. Schnelligkeit ist für die Medien das „A und O“; nicht Nachhaltigkeit. Wer als erstes mit der packendsten Schlagzeile beim Konsumenten ist, ist der Sieger. Die Qualität einer Website misst sich demnach nach Klick-Zahlen und nicht nach journalistischem Wert. Das klingt bitterer als es ist; denn am Ende finanzieren (gerade im Netz) die Anzeigenkunden das Medium. Und der Kunde will Klick-Zahlen sehen. Verständlich.
Glücklicherweise gibt es für den Leser genügend Alternativen, egal ob im TV, als Zeitung, Magazin oder im Netz. Vor allem aber, sollte man immer ein gesundes Maß an Skepsis walten lassen.
Nilo
P.S.: Wenn diese Geschichte unsere Regierung davon abhält, den Atomausstieg rückgängig zu machen, bin ich natürlich dann doch ganz zufrieden, mit der Berichterstattung ...
Ach, noch was: Die kurze Nachricht, die die neuen Medien so sehr etabliert haben, hat ja seine Entsprechung vor Jahren in der SMS gefunden und nun aktuell beim „twittern“. Hierzu DIESES.
Ist das Emsland eigentlich schön?
Eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist. Zunächst ist es eine Frage der Perspektive; und das in doppelter Hinsicht. Denn wenn man sich Satellitenbilder Deutschlands ansieht, gehören die Bilder unserer Region zu den bemerkenswertesten. Wie ein kleinteiliges, buntes Mosaik, in dem Grün- und Brauntöne vorherrschen wirkt das. Rote Sprengsel von unterschiedlicher Größe lockern das Bild auf. Ein Impressionist mit Hang zur Psychedelik könnte hier am Werk gewesen sein. Sicher ist eines: Gott war es nicht. Oder eben nur indirekt; nämlich durch den Menschen. Kaum eine Landschaft ist so sehr vom Menschen geprägt, wie das Emsland. Außer einigen Forst- und den letzten Moorflächen, ist so ziemlich alles durch den Menschen kultiviert worden. Um mal bei der Psychedelik zu bleiben und den großen Jim Morrison zu zitieren: „What have they done to the earth? (…) Ravaged and plundered and ripped her and bit her, stuck her with knives in the side of the dawn, and tied her with fences and dragged her down.” (Was haben sie der Erde angetan? (…) Verwüstet und geplündert, zerrissen und gebissen. Am Rande der Dämmerung mit Messern erstochen und mit Zäunen gefesselt und fertiggemacht.“) Man möchte meinen, das Morrison das Emsland im Sinn hatte, als er diese Zeilen schrieb, denn als im Rahmen des Emsland-Planes der ursprünglichen Moorlandschaft mit Tiefpflügen zu Leibe gerückt wurde, um einer der letzten Wildnissen Deutschlands ein fruchtbares Acker- und Weidegebiet abzugewinnen, wurde das Emsland landschaftlich neu erschaffen. Massive Abholzung zum gleichen Zweck tat sein Übriges. Die Erfahrung zeigt, dass vom Menschen geschaffene Landschaften, eher nicht zur Schönheit neigen. Ist das Emsland eine Ausnahme?
Das führt uns von der Vogelperspektive zur zweiten Betrachtungsweise: Der persönlichen. Auch hier gilt es zu unterscheiden. Meine Frage in den Rathäusern der emsländischen Städte gestellt, würde ein klares „Ja“ hervorbringen. Der jugendliche Hip-Hop-Hörer vom Twist, der sich nichts mehr wünscht, als ein wenig Urbanität, hat sicher schon eine andere Meinung.
Gegenfrage: Ist die Toskana schön? Sind es die Malediven? Oder die Alpen? Hier dürfte die Antwort eindeutig ausfallen. Wo liegt also das Problem mit der halbwegs objektiven Bewertung der Schönheit unseres Landstriches? Gibt es möglicherweise gar kein Problem? Vielleicht will ich -lokalpatriotisch verblendet- nur nicht zugeben, das das Emsland an sich, ein langweiliges, eintöniges Land ist, das maximal ein mittelmäßiges Landschaftserleben ermöglicht. Vielleicht habe ich ja früher so gedacht; das Emsland aber mittlerweile lieben gelernt, und frage mich nun, warum? Ja. Gut möglich.
Ist das Emsland eintönig und langweilig? Nein. Ermöglicht es nur ein mittelmäßiges Landschaftserleben? Nein. Und doch scheint es auf den ersten Blick so zu sein. Mit welchem Hauptargument versucht die Tourismusbranche Urlauber ins Emsland zu ziehen? Mit der Fahrradfreundlichkeit. Und sie tut gut daran! Das Rad ist eine gute Möglichkeit, die Besonderheit des Emslandes im wahrsten Sinne „zu erfahren“. Wo also liegt das Geheimnis? Was macht einen Landstrich schön, der auf den ersten Blick weder gute, noch schlechte, sondern scheinbar gar keine Eigenschaften hat?
Es ist die Luft zum Atmen. Die Weite des Himmels. Die friesische Kargheit. Der Abwechslungsreichtum, der sich gut versteckt, aber gefunden werden will. Frische und Klarheit; und gleichzeitig eine ihr innewohnende Melancholie, die aber nie trostlos wirkt, sondern Emsländer zu diesen geerdeten, im Besten und wahrsten Sinne bodenständigen Menschen werden lässt.
Das Emsland ist keine Landschaft für das klassisch-schöne Fotomotiv. Nicht selten gehe ich bei langen Spaziergängen vollständig in der Landschaft auf und genieße die Weite und die Ruhe. Ich bewundere die Landschaft. Nicht selten nehme ich einen Fotoapparat mit. Doch die Fotos sind oft enttäuschend. Sie vermitteln einfach nicht was ich fühlte, als sie schoss. Aber spektakuläre Wolkenformationen an einem hohen Himmel, kurz vor Sonnenuntergang über brachliegenden Feldern kann man auch nicht fotografieren. Auch nicht mit einem Weitwinkelobjektiv. Ein Bild bleibt immer zweidimensional. Das Wandern im Emsland, sei es zu Fuß oder mit dem Fahrrad, ist sogar vierdimensional: Höhe, Breite, Tiefe und Erleben. Ein „Eins werden“. Man muss nicht erst in der Landschaft ankommen, bevor man „bei sich“ ankommt.
Nilo